Der Zweite Weltkrieg hatte in Köln tiefe Wunden geschlagen. Viele Gebäude waren zerstört. Schnell begann der Wiederaufbau. Gerade in den 50er-Jahren ging es mit Riesenschritten nach vorne.

In dieser Zeit wollte man Neues sehen, das Moderne wurde gepriesen. Nur ganz wenige Menschen sahen einen Sinn darin, historische Stücke zu erhalten. Der Kölner Architekt Martin Kratz war ein solcher Mensch. Er leitete, es soll 1955 gewesen sein, an der Kirche St. Maria Lyskirchen die Restaurierungsarbeiten, als sich tatkräftige Handwerker daran machten, die alte Turmuhr zu entsorgen.

„Zu den großen Zeugen des romanischen Kirchenbaus in Köln gehört die einzige ursprüngliche Pfarrkirche St. Maria Lyskirchen. Sie nimmt auch insofern eine Sonderstellung ein, als hier noch die ursprüngliche Gewölbemalerei (zwischen 1230 und 1270) weitgehend erhalten ist, was uns daran erinnert, dass die romanischen Kirchen einstmals eine der Architektur entsprechende Ausstattung und Ausmalung besessen haben.“¹ Die Ursprünge der Kirche gehen auf das Jahr 948 zurück.

Die alte Uhr wurde nur noch als Schrott angesehen. Die offizielle Denkmalpflege wollte das Uhrwerk auch nicht, war ja „schnödes“ 19. Jahrhundert. Ein Arbeiter hatte seine überflüssigen Kräfte schon an dem Kontrollziffernblatt ausgetobt. Er faltete das schöne Ziffernblatt einfach zusammen. Alte Uhren waren nichts mehr für die neue Zeit. Sie waren mechanisch, sie mussten täglich aufgezogen werden, manchmal ließ die Genauigkeit zu wünschen übrig, sie mussten regelmäßig gewartet werden und niemand durfte etwas verstellen.

Hiervon zeugt ein großer Zettel, der am Kasten der Uhr angebracht war: „Recht herzliche und dringende Bitte! Man möge nichts am Uhr- und Glockenwerk tun und das Getriebe so lassen wie es ist, sonst peinliche Störungen für den Gottesdienst und Irreführen der Leute. Uhrwerk hat bis jetzt pünktlich gegangen und hoffen, dass nichts daran unternommen wird.“²

Herr Kratz fragte die Bauarbeiter ob er den „Schrott“ haben könne. Kein Problem, sehr gerne. Somit gelangte diese wunderschöne Turmuhr in die Weckschnapp, oder um korrekt zu sein in den Kunibertsturm der alten Stadtmauer. Die richtige Weckschnapp, die näher am Rhein stand, versank 1784 im Hochwasser des Rheins. Damit schließt sich ein Kreis. Es war dasselbe Hochwasser, dass meterhoch um Maria St. Lyskirchen stand. Hiervon zeugt die Markierung über dem Eingangsportal. Die Weckschnapp hatte sich Herr Kratz in den Jahren 1954 -1956 zu seinem neuen Heim ausgebaut. Dort fand die Uhr einen Ehrenplatz in einer Fensternische im Eingangsbereich. Dort stand sie bis heute.

Bei der Uhr handelt es sich um eine 1886 gebaute Turmuhr der Firma Johann Mannhardt (1798-1878) aus München. Mannhardt war ein genialer Mechaniker und einer der hervorragendsten Turmuhrenbauer seiner Zeit. Er entwickelte eine ungewöhnliche Schwerkraft-Hemmung, die schließlich nach ihm benannt wurde, den sogenannten „Mannhardt-Gang“, der ein relativ freischwingendes Pendel hat und hohe Ganggenauigkeiten erreichte. Gleichwohl ist in Fachkreisen inzwischen wohl unbestritten, dass der Pfarrer Josef Feller aus Dachau der eigentliche Erfinder dieser Hemmung ist.

Turmuhr St. Maria Lyskirchen

Mannhardt, der den Großuhrenbau geradezu revolutioniert hat und dafür einige Preise und Ehrungen erhielt, hat viele bekannte Uhren gebaut, die teilweise heute noch ihren Dienst versehen. Am bekanntesten sind die Uhr der Frauenkirche in München, die auf 6 Ziffernblättern auf beiden Türmen die Zeit angibt (1842) und die 1870 vollendete Turmuhr des Berliner Rathauses. Die Glockenuhr im Vatikan schlägt auch nach dem System Mannhardt, welcher 1865 nach Rom berufen, die Kirchtürme der ewigen Stadt mit seinen Münsteruhren versah.³

Nicht zu vergessen die Uhr im Kölner Dom! „1878, Im Jahre seines Todes, vollendete der große Uhrenbauer noch einmal ein großes Werk. Drei Jahre nachdem die größte freischwebende Glocke der Welt in den südlichen Turm des Kölner Doms gehängt worden war, lieferte er eine Uhr für die Kathedrale.“⁴

Die Tochter des Architekten Martin Kratz, Frau Barbara Kratz, sorgte nun, da das Atelier in der Weckschnapp aufgelöst wurde, in Zusammenarbeit mit Herrn Dr. Ralf Beines vom Kölnischen Stadtmuseum dafür, dass die Turmuhr wieder an ihren ursprünglichen Standort in St. Maria Lyskirchen, in die treusorgenden Hände von Herrn Pfarrer Matthias Schnegg, kommt. Den Abbau, den Transport, die notwendigen Restaurationsarbeiten und den Wiederaufbau der Turmuhr übernahmen zwei Mitglieder des Kölner Uhrenkreises.

Die Mannhardt-Uhr in St. Maria Lyskirchen ist fast baugleich mit der Dom-Uhr. Es handelt sich um ein „Turmuhrenwerk mit frei schwingendem Pendel, 30 Stunden gehend, Viertelstunden- und Stundenschlag für mittlere Türme mit größeren Zeigerleistungen.“⁵

Doch wie kam die Mannhardt- Uhr nach St. Maria Lyskirchen? Ausschlaggebend hierfür dürfte wohl der in der Kölner Dombauhütte als Maurer-, Steinmetz und Zimmermeister ausgebildete, ab etwa 1850 auch als Privat- und Diözesanbaumeister tätige Vincenz Statz (Köln 1819 – 1898 Köln) gewesen sein, der in der Zeit von 1868 bis 1876 die Restaurierungsarbeiten an den Kirche leitete und die Entwürfe für eine gotisierende Innenausstattung lieferte. Zuvor hatte sich Statz häufiger in München aufgehalten und sich dort mit dem Architekten, Bildhauer und Kunstgewerbler Ludwig (II) Foltz (Bingen 1809 – 1867 München) angefreundet, der in einem Team seit den 1840er Jahren, ab 1858 hauptverantwortlich an den Restaurierungsarbeiten im Inneren der Münchener Frauenkirche beteiligt bzw. tätig war. Foltz hatte Mannhardt anlässlich der Herstellung der Turmuhr für die Frauenkirche (1842) kennen- und schätzen gelernt und über Foltz hat wohl auch Statz den bedeutenden Uhrmacher in seinen Bekanntenkreis einschließen und später in sein Bauprojekt St. Maria Lyskirchen vermitteln können.⁶

Inzwischen wurde sie, da, wo es notwendig war, restauriert. Unter anderem wurden fehlende Teile an der Hemmung der Uhr neu hergestellt, eine unfachmännisch erstellte Federaufhängung erneuert und das arg in Mitleidenschaft geratene Kontroll-Ziffernblatt wurde, soweit dies möglich war, wieder hergerichtet. Die Uhr läuft nun wieder und wenn man wollte, so könnte sie wie in der Zeit von 1886-1955 wieder ihren Dienst versehen.

Darauf wird aber aus verständlichen Gründen verzichtet. Die Uhr ist zurück in ihrer Kirche St. Maria Lyskirchen und sie hat einen angemessenen Platz auf der Empore des Nordseitenschiffs gefunden. Dort kann man sie besichtigen, bewundern und, wenn gewünscht, hin und wieder für eine Weile laufen lassen. Da es für das Gewicht der Uhr im Uhrenkasten nur eine geringe Fallhöhe gibt, ist die mögliche Laufzeit natürlich begrenzt.

Wie gut, dass es immer wieder Menschen wie den inzwischen verstorbenen Architekten Martin Kratz gibt, die über den Tellerrand hinausschauen und unwiederbringliches Kulturgut vor dem Untergang retten. Ihm nachträglich noch ein herzliches Dankeschön!

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¹ 16 Romanische Kirchen in Köln am Rhein, W.P. Eckert
² unbekannter Küster (?)
³ Uhrmacherverzeichnis.de – Uhrmacher-Details
⁴ Der Turmuhrenbau Johann Mannhardts, Walter Ackermann, Alte Uhren und moderne Zeitmessung 3/90
⁵ Katalog Mannhardt
⁶ Dr. Ralf Beines

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